Oktober 13, 2026 11:36 a.m.
Im Urteil 6B_438/2024 vom 25. August 2026 aus dem Kanton Zürich ging es um die strafrechtliche Landesverweisung. Genauer gesagt darum, ob die Homosexualität des Beschwerdeführers einem Vollzug der Landesverweisung entgegensteht. Dazu das Bundesgericht: «Allfällige Vollzugshindernisse spielen schon bei der strafgerichtlichen Anordnung der Landesverweisung nach Art. 66a Abs. 2 StGB, das heisst bei der dort vorgesehenen Interessenabwägung, eine Rolle […]. Das Sachgericht berücksichtigt solche Hindernisse, soweit die unter Verhältnismässigkeitsaspekten erheblichen Verhältnisse stabil und die rechtliche Durchführbarkeit der Landesverweisung definitiv bestimmbar sind […]. Liegt ein definitives Vollzugshindernis vor, so hat der Sachrichter auf die Anordnung der Landesverweisung zu verzichten […]. Im Übrigen sind die Vollzugsbehörden zur Prüfung allfälliger Vollzugshindernisse, welche zum Zeitpunkt des Sachurteils noch nicht feststehen, zuständig […].» (E.4.1.8). «Der Beschwerdeführer machte erstmals vor Vorinstanz geltend, er sei homosexuell, wobei ihm im Irak deswegen Diskriminierung, Gewalt und schlimmstenfalls der Tod drohe. […]. Diesen vorinstanzlichen Erwägungen kann so nicht gefolgt werden. Wenngleich das Bundesverwaltungsgericht festhält, dass im Irak keine Kollektivverfolgung homosexueller Personen stattfinde (Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-6539/2018 vom 2. April 2019 E. 8.1), gestaltet sich deren dortige Lage - wie der Beschwerdeführer mit Blick auf dasselbe Referenzurteil korrekt rügt - im Zeitpunkt des vorinstanzlichen Entscheids - deutlich prekärer, als dies die Vorinstanz impliziert. So seien sexuelle Praktiken zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern oder Partnerinnen gemäss dem irakischen Strafgesetz nicht explizit unter Strafe gestellt. Da aussereheliche sexuelle Kontakte strafrechtlich verboten und die Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts nicht erlaubt seien, erwiesen sich gleichgeschlechtliche Beziehungen aber de facto als verboten. Unter Beizug des Verbots der Verbreitung von Informationen, welche die öffentliche Ordnung und den Frieden stören, werde auch die öffentliche Meinungsäusserung von homosexuellen Personen oder Personen, die sich für sie aussprechen, bestraft. Gesetze, die homosexuelle Personen vor Diskriminierung und Gewalt schützen, gebe es keine. Homosexualität werde aufgrund konservativer religiöser und moralischer Vorstellungen in der Gesellschaft geächtet, was die Gefahr, Diskriminierungen ausgesetzt zu werden, stark erhöhe. […]. Auch wenn keine "Kollektivverfolgung" stattfindet, besteht für (erkennbar) Homosexuelle im Irak demnach eine reale und schwerwiegende Gefahr für Leib und Leben. Dies anerkennt auch die Vorinstanz, wenn sie dem Beschwerdeführer nahelegt, er müsste sich nicht in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität bekennen bzw. seine sexuelle Ausrichtung nicht öffentlich leben. Wie der EGMR festhält, stellt die sexuelle Orientierung indes einen fundamentalen Teil der Identität einer Person dar, und es darf niemand dazu gezwungen werden, diese Orientierung zu verheimlichen, um einer Verfolgung zu entgehen. Ein Verbergen seiner sexuellen Orientierung ist dem Beschwerdegegner mithin nicht zuzumuten […]. Für die Prüfung des Vorliegens eines Vollzugshindernisses erweist es sich damit als entscheidend, ob der Beschwerdeführer homosexuell ist. Die Vorinstanz hegt daran einige Zweifel, lässt die Frage im Endeffekt jedoch offen. Somit fehlt es dem Urteil an einer zur bundesgerichtlichen Beurteilung notwendigen Feststellung tatsächlicher Art. Damit entspricht das angefochtene Urteil nicht den Anforderungen von Art. 112 Abs. 1 lit. b BGG. Es ist diesbezüglich aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie in Bezug auf die behauptete Homosexualität des Beschwerdeführers eine Feststellung trifft. Sie wird in diesem Rahmen darüber zu befinden haben, ob sie eine Befragung des Vaters des Beschwerdeführers als notwendig erachtet.» (E.4.3.5).
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